Ein seltenes Zeitfenster
Es gibt Touren, die bleiben. Unsere Begehung im Gamchi, unterhalb des Gamchigletschers im Schweizer Berner Oberland, gehört dazu. Gewaltige Felswände, eiskaltes Wasser und eine vom Gletscher geprägte Schlucht bilden die Kulisse für ein außergewöhnliches Canyoningabenteuer.
Nur an wenigen Tagen im Jahr passen die Bedingungen für eine Begehung zusammen. Dass wir dieses Zeitfenster nutzen konnten, macht die Erinnerung daran umso wertvoller.
Zwei Stunden hinein in die Bergwelt
Bevor wir überhaupt ins Wasser kommen, wartet ein rund zweistündiger Zustieg durch alpines Gelände. Neben uns ragen mächtige Felswände auf. Schnee liegt auf den Hängen, kleine Pflanzen am Wegesrand sind von Eis überzogen.
Schon der Weg zum Einstieg ist Teil des Erlebnisses. Mit jedem Schritt kommen wir der vom Gletscher geformten Landschaft näher.
Am Einstieg: Kälteschutz und Vorbereitung
Am Einstieg heißt es für uns: warm anziehen und die Ausrüstung vorbereiten. Über unseren Neoprenanzügen tragen wir zusätzliche Canyoningjacken und -hosen. Im kalten Gletscherwasser und in den dunklen Passagen spielt Kälteschutz eine entscheidende Rolle.
Helme, Gurte und Seile werden vorbereitet. Dann folgen die ersten Abseiler und Abschnitte, in denen wir durch das felsige Gelände abklettern.
60 Meter – hinein in den dunklen Schacht
Dann verändert sich die Szenerie schlagartig. Vor uns öffnet sich ein gewaltiger, dunkler Schacht. Rund 60 Meter stürzt der Wasserfall hinunter und verschwindet zwischen glatt geschliffenen Felswänden.
Wir seilen uns durch den Wasserfall in die Tiefe ab. Meter für Meter wird das Tageslicht schwächer. Das Wasser rauscht neben und über uns. Unten angekommen liegt der große Schacht über uns – und der Canyon führt weiter hinein in die Dunkelheit.
Eine Welt aus Fels, Wasser und Lampenlicht
Der nächste Teil wirkt wie eine unterirdische Höhlenwelt. Enge, vom Wasser geschliffene Felswände, zahlreiche Abseilstellen direkt im Wasser und Siphone prägen die Schlucht. Im Licht unserer Lampen werden Felsstrukturen und milchiges Gletscherwasser sichtbar.
Dunkelheit, Kälte und das dauernde Rauschen schaffen eine Atmosphäre, die sich kaum mit einer gewöhnlichen Canyoningtour vergleichen lässt.
Der Gamchi bleibt nicht derselbe
Der Gamchi verändert sich ständig, teilweise sehr stark. Bei hohen Sommertemperaturen bringt die Gletscherschmelze große Wassermengen in die Schlucht. Das Wasser transportiert Sand, Kies, Steine und größere Felsblöcke.
Material wird verlagert oder abgelagert. Gumpen können sich füllen, Engstellen verändern und Passagen wieder freigespült werden. Was bei einer früheren Begehung noch anders aussah, kann beim nächsten Besuch völlig verändert sein.
Wasserführung, Temperatur, Wetterentwicklung und aktueller Schluchtzustand müssen zusammenpassen. Hier bestimmt die Natur das Zeitfenster – nicht unser Kalender.
Die letzten engen Passagen
Zum Ende wird die Schlucht besonders verwinkelt. Teilweise passen wir gerade durch die Durchgänge. Anderswo suchen wir unseren Weg etwas höher oder tiefer zwischen den Felsen.
Klettern, absteigen, durchschlüpfen: Die letzten Meter verlangen noch einmal Aufmerksamkeit und Körpereinsatz. Auch nach den großen Abseilern ist die Tour noch nicht vorbei.
Zurück ans Tageslicht
Plötzlich öffnet sich die Schlucht. Nach Dunkelheit und engen Felsgängen stehen wir wieder in einer weiten, offenen Landschaft. Was für ein Kontrast. Von hier aus geht es zu Fuß zurück zum Parkplatz.
Der lange Zustieg, der rund 60 Meter tiefe Schacht und die außergewöhnlichen Passagen machen den Gamchi für uns unvergesslich. Besonders bleibt, wie stark das Gletscherwasser diese Schlucht formt und wie selten sich eine passende Gelegenheit für eine Begehung ergibt.
Persönlicher Tourenbericht, kein Topo und keine aktuelle Zustandsmeldung. Die Begehbarkeit muss jeweils neu beurteilt werden.
Joachim (Joey) Fleddermann
Research & Development · Canyoning Hero
Staatlich geprüfter Schluchtenführer · CIA – Canyoning in Austria
www.cia-adventures.at





















